Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit
Nach dem Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation (Janet, 1904; van der Hart, Nijenhuis, Steele, 2006) teilt sich die Persönlichkeit eines Menschen beim Erleben von traumatisierenden Erfahrungen in Persönlichkeitsanteile (Agenzien) auf, um überwältigende Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen zu überleben. Die dissoziative Teilung geschieht nicht zufällig, sondern strukturiert entlang von bio-psycho-sozialen Handlungssystemen.
Entsprechend dieser Handlungssysteme teilt sich die Persönlichkeit in Agenzien, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen, z.B. Aufgaben zur Sicherung des Alltags (Nahrungsaufnahme, Bindung, Sozialverhalten, Schule/Beruf, u.a.) und Aufgaben zur Sicherung des Überlebens (Kampf, Flucht, Erstarren, Bindungsschrei, u.a.)
Traumabezogene Störungen weisen ein breites Spektrum an psychoformen und somatoformen dissoziativen Plus- und Minussymptomen auf, wie z.B. Intrusionen, Flashbacks, Amnesien, Derealisation, Depersonalisation, posttraumatische Vermeidung, Kampf- und Fluchtreaktionen, Bindungsschrei, Freeze, Submit, Taubheitsgefühle, Bewegungsstörungen, Krampfanfälle, physische Schmerzen, u.v.a.m.
Das Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation versteht traumabezogene Symptome als Handlungen. Die Handlungen der dissoziativen Agenzien sind zielgerichtet (z.B. überleben wollen), aber unverbunden (z.B. kämpfen vs. flüchten vs. ignorien; bindungssuchend vs. bindungsmeidend).
Das Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation versteht Dissoziation im ursprünglichen Wortsinn als „Trennung einer Verbindung“ (Unterbrechung integrativer Funktionen des Bewusstseins, der Wahrnehmung und der Identität) beim Erleben von Lebensgefahr.
Das Konzept der traumabezogenen strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit beschreibt eine Dreiteilung (primär, sekundär, tertiär), der traumabezogene dissoziative Störungen ihrem Schweregrad entsprechend zugeordnet werden:
- Die einfache posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entspricht der primären traumabezogenen strukturellen Dissoziation mit einer dissoziativen Aufteilung der Persönlichkeit in einen anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil (ANP) und einen emotionalen Persönlichkeitsanteil (EP).
- Bei der sekundären traumabezogenen strukturellen Dissoziation teilt sich die Persönlichkeit in einen ANP und mindestens zwei EPs auf. Bei chronischen interpersonellen Traumatisierungen kann sich die Persönlichkeit in eine große Anzahl von Agenzien teilen und verschiedene Schweregrade mit unterschiedlichen Symptom-Clustern hervorbringen. Der sekundären traumabezogenen strukturellen Dissoziation werden verschiedene psychische Störungen mit unterschiedlich ausgeprägten Erscheinungsformen und Schweregraden zugerechnet, z.B. komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS), komplexe Somatisierungsstörung, bis hin zur partiellen dissoziativen Identitätsstörung (pDIS).
- Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) als schwerster Ausprägungsgrad einer traumabezogenen Störung mit mehreren ANPs und mehreren EPs entspricht der tertiären traumabezogenen strukturellen Dissoziation. Das dissoziative innere System von PatientInnen mit Dissoziativer Identitätsstörung kann in einige Dutzend bis hin zu mehreren hundert Agenzien mit erkennbar eigenen Mustern von Identitätsempfinden, Reifegrad, Gedächtnis, Wahrnehmung, Affekten, kognitiven und motorischen Fähigkeiten, psychophysiologischen Reaktions- und Handlungsmustern fragmentiert sein.
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